Tulln

V Karner

Totengedenken oder: Egon und die Fabelwesen

Hier erfahren Sie: Warum die Tullner Gebeine exhumierten. Was Egon im Karner sah. Wie Tod und Vergänglichkeit auf die Leinwand kamen. Und welche Rolle das Sterben in Egons Leben spielte.

Spätromanischer Karner, um 1875

Nicht viele Orte in Europa sind für ihre Beinhäuser berühmt. Der spätromanische Tullner Karner, im 13. Jahrhundert im Auftrag des letzten Babenbergers Herzog Friedrich II. errichtet, gilt als einer der schönsten und bedeutendsten seiner Art. Auf einem elfeckigen Grundriss ragt der zweistöckige Turm mit dem markanten Pyramidendach in den Himmel. Doch im Inneren ist er rund. Und im Obergeschoss, der ehemaligen Friedhofskapelle, mit zahlreichen Bildern verziert. Das Jüngste Gericht ist hier zu sehen, die Anbetung Christi durch die Heiligen Drei Könige und Jungfrauen, die vom Teufel in die Hölle geführt werden. Aber auch Drachen, Dämonen und Fabelwesen. Eine unheimliche Welt, die Egon in ihren Bann zieht.

 

Spätromanischer Karner
Trichterportal des Tullner Karners
Apsis im Inneren des Karners
Freskenbänder im Inneren des Karners

 

Im Angesicht des Todes.

Noch unheimlicher ist freilich das Untergeschoss. Das dient bis zum Ende des 18. Jahrhunderts als Beinhaus für die exhumierten Toten. Denn auf dem alten Friedhof rund um die Pfarrkirche ist kein Platz mehr für neue Gräber. So werden die Knochen in den Karner umgebettet und dort gestapelt. Der Tod ist hier allgegenwärtig. Wie in Egons Leben. Zuerst verliert er seine ältere Schwester Elvira. Er ist noch ein Kleinkind, als sie an einer Gehirnhautentzündung stirbt. Dann erkrankt sein Vater an Syphilis. Und Egon erlebt den Niedergang des imposanten, Respekt einflößenden Mannes: Gedächtnisverlust, Persönlichkeitsveränderungen, Halluzinationen. Am Ende sitzt der Vierzehnjährige still in einer Ecke des Totenzimmers, in dem Adolf Schiele in seiner Gala-Uniform aufgebahrt liegt. 

Allegorie des Lebens.

Der Kreislauf von Werden und Vergehen. Der Tod des Vaters als Trauma des Sohnes. Nur wenige Jahre später malt Egon Allegorien des Lebens und des Sterbens. Vergänglichkeit und Tod werden zu einem zentralen Motiv in seiner Bilderwelt. Verwelkte Blüten. Kahle Äste. Bäume, vom Wind gebeugt. Aber auch frisch erblühte Sonnenblumen als metaphorische Darstellung des Menschen. Denn in die Trauer um seine Lieben mischt sich Lebensfreude. Und der Wunsch, als visionärer Künstler ernst genommen zu werden.

 

Plan Egon Schiele-Weg